Putin erklärt dem US-Fracking-Öl den Krieg

Nachdem Washington in einem Wirtschaftskrieg Nord Stream 2 sabotiert, schlägt Moskau zurück – und erklärt der US-Fracking-Industrie den Krieg. Russland wehrt sich.

Von Redaktion

Die OPEC+ ist nicht mehr, nach 24 Stunden, in denen Russland das Kräfteverhältnis in der Ölwelt auf den Kopf gestellt hat und die Mitglieder der OPEC+ benommen und verwirrt zurückgelassen haben. Es schockiert Saudi-Arabien, das jetzt mit sozialen Unruhen konfrontiert ist und dessen Ölpreis weit unter Riads Budgetbedarf liegt.

Und jetzt hat Bloomberg die beeindruckende Hintergrundgeschichte hinter der Ankündigung vom Freitag, dass Russland seinen Produktionsvertrag mit der OPEC und ihren Verbündeten kündigt, veröffentlicht. Und dies, nachdem der Wiener Gipfel in der vergangenen Woche einen Vorschlag der Ölproduzenten zur Reduzierung der Produktion unterstützt hatte.

Dies verursachte einen Preissturz beim Ölpreis von rund zehn Prozent innerhalb eines Tages, was man schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das letzte Mal geschah dies während der Finanzkrise 2008 der Fall.

Tägiche Preisveränderungen der Ölsorte Brent.

Der russische Energieminister Alexander Novak, der einen Schlag mitten ins Herz seiner ehemaligen OPEC-Kollegen schlug, sagte: „Angesichts der heute getroffenen Entscheidung, ab dem 1. April dieses Jahres müssen weder wir noch ein OPEC- oder Nicht-OPEC-Land Ölförderungskürzungen machen.“

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Angesichts der globalen Befürchtungen hinsichtlich der Ausbreitung des Coronavirus, die den Ölmarkt bereits stark beeinträchtigten (Preisrückgang um 30 Prozent seit Jahresbeginn), sorgten die Russen für eine Überraschung unter den OPEC-Ölministern, die sich trafen um eine Stabilisierung des Ölpreises voranzutreiben.

Den größten Schock verspürten die Saudis, denn wie Bloomberg es ausdrückt, hat Putin gerade Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) effektiv „in den Mülleimer geschmissen“, um einen Krieg gegen die amerikanische Schieferölindustrie zu beginnen:

„Alexander Novak sagte seinem saudi-arabischen Amtskollegen Prinz Abdulaziz bin Salman, dass Russland nicht bereit sei, die Ölproduktion weiter zu senken. Der Kreml hatte beschlossen, dass die Preise zu stützen, da das Coronavirus verheerende Auswirkungen auf den Energiebedarf hat, ein Geschenk an die US-Schieferindustrie sei. Die Fracker hatten dem Weltmarkt Millionen Barrel Öl hinzugefügt, während russische Unternehmen die Brunnen im Leerlauf hielten. Jetzt war es Zeit, die Amerikaner unter Druck zu setzen.

Nach fünf Stunden höflicher, aber erfolgloser Verhandlungen, in denen Russland seine Strategie klar darlegte, brachen die Gespräche zusammen. Die Ölpreise fielen um mehr als 10 Prozent. Es waren nicht nur Händler, die erwischt wurden: Die Minister waren so schockiert, dass sie laut einer Person im Raum nicht wussten, was sie sagen sollten. Die Versammlung hatte plötzlich die Atmosphäre einer Totenwache, sagte ein anderer.“

Auf dem Weg zur kritischen Sitzung am Freitag hatte die OPEC weitere 1,5 Millionen Barrel pro Tag (bpd) an Kürzungen gefordert, um die Produktion um 3,6 Prozent des weltweiten Gesamtangebots zu reduzieren, was einen Beitrag Russlands und anderer Nicht-OPEC-Staaten (vor allem aber Russlands) von 500.000 bpd zu den zusätzlichen Kürzungen erforderlich gemacht hätte.

Bloomberg zitiert den Präsidenten des russischen staatlichen Think Tanks Institute of World Economy und International Relations, Alexander Dynkin, mit den Worten: „Der Kreml hat beschlossen, die OPEC+ zu opfern, um die US-Schieferproduzenten zu stoppen und die USA für das Durcheinander mit Nord Stream 2 zu bestrafen.“

„Natürlich könnte es eine riskante Sache sein, Saudi-Arabien zu verärgern, aber dies ist derzeit Russlands Strategie – flexible Geometrie der Interessen“, fügte Dynkin hinzu. Was er aber wirklich meinte, sind flexible Budgets, denn im Gegensatz zum Rest der OPEC+ ist „Russlands Budget besser auf weniger Öl vorbereitet als vor sechs Jahren.“

Als solches kann sich der Kreml jetzt zurücklehnen und warten, während eine nach der anderen OPEC-Nation „venezuelisiert“ wird und ihre Produktion inmitten sozialer Unruhen dauerhaft offline geschaltet wird, was zu einer weitaus geringeren langfristigen Produktion führt.

Russland kommt auch mit niedrigeren Ölpreisen klar.

Das ultimative Ziel ist natürlich die US-Schieferölindustrie, indem der Ölpreis lange genug niedrig genug gehalten wird. Russland könnte gerade dort erfolgreich sein, wo Saudi-Arabien 2014 gescheitert ist, nachdem die amerikanische Frackingindustrie – großzügig finanziert durch Junk Bonds – nicht nur den großen Ölpreis-Crash von 2014/2015 überlebt hat, sondern seitdem auch Rekord-Produktionsleistungen erreichte.

In der Zwischenzeit ist unklar, wie es mit den diplomatischen Beziehungen Russlands zu Saudi-Arabien weitergehen soll: Putins intensives Engagement für die OPEC+-Koalition in den letzten drei Jahren hat dazu beigetragen, die Bindung zum saudi-arabischen Führer MbS zu festigen.

Aber jetzt scheint es, als ob Riads mächtigerer Verbündeter, die Vereinigten Staaten, Russland in die Lage drängt, sich als „gezwungen“ zu sehen, in einem günstigen Moment extrem erhöhter Marktsensibilität, angesichts der jüngsten lähmenden Nord Stream 2-Sanktionen und -Maßnahmen Washingtons gegen den russischen staatlichen Ölriesen Rosneft, zu reagieren.

In ihrer Arroganz glauben die Amerikaner unverwundbar zu sein. Die Trump-Administration bricht einen Handelskrieg nach dem anderen vom Zaun, in der Hoffnung, US-Konzerne wieder zur Produktion in den Vereinigten Staaten zu zwingen. Zudem nutzt Washington die eigene finanzielle (Dollar-Dominanz) und wirtschaftliche (US-Konsumgesellschaft) Macht, um eine erpresserische Außenwirtschaftspolitik zu betreiben.

Im Fall von Nord Stream 2 beispielsweise geht es darum, mehr US-amerikanisches Flüssiggas nach Europa verkaufen zu können und so die eigene Fracking-Industrie zu stützen. Die europäischen „Partner“ und „Alliierten“ sollen gefälligst teures US-Frackinggas kaufen und kein billigeres russisches Erdgas.

Doch Präsident Putin zeigt den Amerikanern nun, dass auch das weltwirtschaftlich nicht so bedeutende Russland Möglichkeiten besitzt, sich auf ökonomischer Ebene gegen den US-Wirtschaftskrieg zu wehren.

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Der Artikel erschien zuerst bei:: Contra Magazin

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